Simorghische Denkungsart: Leben, Welt und säkularer Mystizismus
Ein Versuch von Palang LYA
Grundlagen des Denkens
Die simorghische Denkungsart, die Manuchehr Jamali philosophisch umreißt, rekonstruiert eine iranisch-persische Kultur, deren Kern Weltlichkeit, Lebensbejahung und Pluralität sind.
- Das Göttliche ist die Welt selbst: lebendig, relational, selbstbewegend – nicht dichotomisiert jenseits oder außerhalb der Welt.
- Weltlichkeit ist Ursprung, nicht Defizit.
- Die Welt ist Subjekt und Rahmen aller Erfahrung, kein Mittel menschlicher Zwecke.
Aus dieser Grundstruktur der Welt folgt, dass Neutralität, Säkularität und Freiheit nicht aus abstrakten Normen oder importierten Modellen entstehen, sondern aus der inneren Lebendigkeit und Selbstordnung der zeitlichen Welt. Kein transzendentes Prinzip beansprucht Totalität; die reale Welt selbst ist Maßstab für Moral, Ethik und Politik.
Moderne Weite: jenseits von Glaube und Unglaube
Ein Aspekt simorghischer Denkungsart ist die Einbeziehung aller Formen von philosophisch deutbaren Akten von „Glauben“ und „Unglauben“, als Frage, Annahme und Zweifel. Die iranische Kultur ist in ihren mythischen Selbstbegriffen weder islamisch noch schiitisch, sie war auch nicht zoroastrisch.
Historisch-mythologisch umfasst sie:
- Polytheismen und Atheismen
- Philosophische Glaubens- und Unglaubensformen als Erkenntnissuche
- Weltzugänge, die nicht auf Dogma oder Offenbarung reduziert werden können
- Die Vielgestaltigkeit der Annäherung an Wahrheit im weltlich-zeitlichen Kontext
Die simorghische Denkungsart betrachtet die Welt als lebendiges Ganzes, in dem diese vielfältigen Ausdrucksformen von schöpferischer Vernunft und Erfahrung koexistieren. Neutralität, Säkularität und Freiheit entstehen so aus der Struktur der Welt selbst, nicht aus institutioneller Abgrenzung.
Freiheit, Pluralität und Aufklärung
Historische Freiheitswirkungen, wie sie in Renaissance und europäischer Aufklärung sichtbar werden, sind essenziell:
- Individuelle Gewissensfreiheit
- Trennung von Religion und Staat
- Pluralisierung des Denkens
Diese Impulse werden in einen globalen und geschichtsorientierten Horizont eingebettet, in dem Freiheit als Produkt der Vielheit der Perspektiven verstanden wird. Monolithische Systeme – ideologisch, religiös oder politisch – blockieren Erkenntnis und Lebensbejahung. Pluralität ist eine notwendige Voraussetzung für das Erkennen und Handeln.
Globale und historische Tiefenperspektive
Die simorghische Denkungsart integriert historische und kulturelle Strömungen:
- Altiranische Mythenschichten und -fragmente und vor-zoroastrische Traditionen
- Antike Philosophien
- Indische und chinesische Denktraditionen
- Europäische Renaissance und Aufklärung
Kritisch reflektiert werden Zoroastrismus und Islam [als Lichtreligionen], verstanden als historische Prozesse der Entweltlichung:
- Unterdrückung weiblicher Gottheiten und polytheistischer Traditionen
- Spaltung und Dämonisierung wesentlicher (komplexer) Lebensprinzipien
- Schaffung enger, gewaltsamer Strukturen, die ursprüngliche Lebens- und Weltphilosophie unterdrückten
Die simorghische Rekonstruktion bemüht sich darum, ursprünglichere Weltzugänge wieder zugänglich zu machen und nutzt diese als Basis für ein Denken, das weltlich, plural und in sich konsistent ist.
Naturbegriff
Zentral ist der Naturbegriff:
- Natur = lebendige Selbstbewegung, das Selbstsein der Welt
- Freiheit kann nicht zu Lasten der Lebendigkeit bestehen
- Welt, Ethik und Politik sind untrennbar miteinander verbunden
Die Welt wird als lebendiger Maßstab verstanden, nicht als Instrument. Moralische und ethische Prinzipien folgen aus der Art, wie die Welt lebt und sich bewegt.
Heidnische Immanenz
Die simorghische Denkungsart ist „heidnisch“ im Sinn einer weltlich-grundierten Lebensphilosophie:
- Keine absolute Offenbarung
- Keine transzendente Endinstanz
- Keine Spaltung von Licht/Dunkelheit und Materie
- Keine Hierarchisierung von Seinsbereichen
Mystik intensiviert die Verbindung zur Welt, sie ist kein Fluchtmechanismus. Säkularität ist in der Welt verankert, nicht Entheiligung. Neutralität folgt aus der lebendigen Struktur der Welt selbst.
Mystische Strategien in islamisierten Kontexten
Iranische Mystiker wie Molavi (Rumi) und Attar navigierten in islamisierten Strukturen, in denen Dogmen und Monopolisierung von Wahrheit herrschten. Ihre Strategien:
- Paradoxie und Allegorie: Inhalte außerhalb wörtlicher Interpretation werden metaphorisch vermittelt
- Lachen und Ironie: Freudvolle Erkenntnis öffnet Räume, in denen glaubenstechnisches Dogma nicht die Sicht auf die Welt blockiert
- Immanente Spiritualität, immanente Bedeutsamkeit: die Welt selbst und ihre lebendige Ordnung werden in alltäglichen Erfahrungen gespürt
Dichtung wird so zu einem Raum der Erkenntnis, in dem Erfahrungen artikuliert werden, die arbiträr-arbeitende Dogmen nicht erfassen können.
Synthese: Die simorghische Denkungsart
Die simorghische Denkungsart verbindet:
- Historische Freiheitswirkungen (Aufklärung, Renaissance, Geschichte und Mythos)
- Begründung der Neutralität aus der Welt selbst
- Globale Pluralität kultureller Freiheitsimpulse
- Natur als lebendige, sich selbst bestimmende Bewegung
- Heidnische Immanenz als Grundlage für Erkenntnis und Handeln
- Poetische Schönheit und Strategien der Mystiker (Wahrheitssuche, die Verbindung von Erkenntnis und Freude)
- Moderne epistemische Weite jenseits von „Glaube oder Unglaube“
- Die lebendige Welt als „Gott“ – die Welt selbst ist Subjekt, Maßstab und vielfältige Quelle allen Seins
Neutralität, Säkularität und Freiheit entstehen nicht aus externen Normen, sondern aus der lebendigen Struktur der Welt, die Erfahrung, Reflexion, Poesie und Lebensbejahung miteinander verbindet.
Fazit
Die simorghische Denkungsart ist eine philosophische Landkarte, auf der nicht Europa, Religion oder Ideologie das Zentrum bilden, sondern die Welt selbst als lebendige Selbstbewegung. Freiheit bedeutet:
- die Welt nicht zu monopolisieren
- Pluralität zu ermöglichen
- das Göttliche in der Welt und als Welt selbst zu respektieren, keine Hierarchisierung von Seinsprinzipien, -räumen, -dimensionen
- Mystik und Poesie sind bewusste Instrumente, die Räume eröffnen, in denen Erkenntnis und Lebensbejahung jenseits herrschaftlicher Dogmen möglich werden.
Mystik und Poesie fungieren als bewusste Instrumente, die jenseits herrschaftlicher [Glaubens-] Tyrannei Räume für Kontinuen, Erkenntnis und Lebensbejahung eröffnen. Die iranische Kultur zeigt sich als umfassender, inklusiver Horizont, der Polytheismen, Atheismen, Glaubens- und Unglaubensformen gleichermaßen integriert – alles im Sein der Welt, in ihrer Lebendigkeit und Kontextualität.
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