
Wer keine Mauer hat, ist kein Selbst
Manuchehr Jamali
Der Ahriman war ein Wesen, das sich stets verschloss.
Er war der Erste, der eine Mauer um sich zog.
Mit dieser Mauer erschuf er alle Mauern.
Und er sagte:
„Das Selbst ist eine Mauer.“
Wer sein will, muss eine Mauer haben.
Nur der erlangt Sein, der eine Mauer um sich errichtet.
Und in dem Maße, wie ihn Mauern umgeben, in eben diesem Maße ist er.
Wer aber keine Mauer hat, ist nicht.
Sein, Haben, Denken und Lieben – all dies wurde zur Kunst des Mauerbauens.
Und er lehrte den Menschen auch, wie man um alles Mauern errichtet.
Er lehrte den Menschen, wie er um seine Gedanken Mauern ziehen kann,
damit sie zu Überzeugungen, Religionen, Philosophien, Wissenschaften und Weltanschauungen werden.
Er lehrte den Menschen,
wie er Mauern um seine Liebe und seinen Hass ziehen kann.
Und wie er Mauern um diejenigen errichten kann, die er liebt,
um sie vor Schaden zu bewahren.
Und wie er Mauern um diejenigen errichten kann, die er hasst,
damit sie zu Schlachtfeldern, Jagdgründen und Plünderungsstätten werden,
die ausschließlich ihm vorbehalten sind.
Seine höchste Kunst aber bestand darin,
dort, wo es schwierig war, Mauern zu errichten,
einfach Linien zu ziehen.
Diese Linie war, wie die Brücke Ṣirāṭ,
äußerst schmal und fein.
Von da an erhielten Wahrheit und Recht,
deren Horizonte einst bis ins Grenzenlose reichten,
Linien und Markierungen.
Nur noch das galt als Wahrheit,
was von einer Linie umschlossen war.
Und wer sich auf die Suche nach der Wahrheit machte,
dessen einer Fuß stand vielleicht noch auf dem Boden der Wahrheit,
während der andere bereits in das Reich des Irrtums glitt.
Sogar um Gott
und alles, was göttlich ist,
zog er eine Linie.
Von da an wusste selbst Gott nicht mehr,
wo Gott ist und wo Gott nicht ist,
wo Religion ist und wo Unglaube,
und der Gott,
dessen Umkreis immer offen gewesen war,
geriet ins Zweifeln,
wenn er seine eigenen Grenzen erkennen wollte.
Er fragte Ahriman nach den Grenzen seiner Göttlichkeit
und seiner Religion.
Und er war ihm dankbar,
denn mit Ahrimans Hilfe
konnte er die Grenze seiner Göttlichkeit,
die Grenze seiner Wahrheit
und die Grenze seiner Religion erkennen.
Diese Mauern aus bloßen Linien
wurden umso härter,
je dünner sie waren.
Und Ahriman zeigte,
dass diese feinen Linien,
wenn sie unsichtbar werden,
höher und unüberwindlicher sind
als selbst die Chinesische Mauer.
Diese unsichtbaren Mauern,
die nur aus nebelhaften,
schattenhaften Linien bestehen,
zeichnete er
in die Vorstellungen der Menschen.
Und er gab ihnen den Namen:
Toleranz und Duldsamkeit.
Die persische Originalfassung > https://jamali.info/he-she-who-has-no-walls-is-not-themselves/
